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Bernhard Heising
Die Wut der Bilder *

Bernhard Heisig war der bedeutendste Künstler der ehemaligen DDR. Zusammen mit Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer hat er die sogenannte "Leipziger Schule" begründet und als langjähriger Rektor der dortigen Kunstakademie Generationen von Malern geprägt. Auch am Erfolg von Künstlern wie Neo Rauch und den zur Zeit so angesagten jüngeren wie Tilo Baumgärtel und Tim Eitel hat er entscheidenden Anteil.

Zu seinem 80. Geburtstag gibt es nun eine umfassende Retrospektive seiner Arbeiten, die nach ihrem Auftakt in Leipzig und Düsseldorf momentan in Berlin zu sehen ist.

Es sind Bilder von hoher malerischer Qualität, und es sind Bilder, die laut schreien, voller Wut und Verzweiflung. Heisig will „den Schrei der Menschen organisieren“. Malerei ist für ihn keine Illustration philosophischer Konstruktionen, ihre Bedingung ist „die Wut der Sinne“(Max Beckmann).

Fast immer kreisen seine Arbeiten um dasselbe Thema: Gewalt und Krieg.

Es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bis Bernhard Heisig in der Lage war, seine eigenen Kriegserlebnisse malerisch aufzuarbeiten, und seitdem arbeitet er unermüdlich daran, getreu dem Motto Sigmund Freuds: „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“. Er erinnert sich, um zu vergessen, aber bis zum heutigen Tag ist es ihm nicht gelungen. Zu schrecklich waren die Erlebnisse, zu mächtig sind die Geister der Vergangenheit, von denen er wie Goethes „Zauberlehrling“, als der er sich auf vielen Bildern (wie z.B. den „Atelierbildern“) sieht, ständig überwältigt wird.

Im Katalog wird Heisig mit Jorge Semprun verglichen, der auch erst nach langen Jahren in der Lage war, über seine Erlebnisse als Häftling in Buchenwald zu schreiben, weil er entweder leben oder schreiben konnte. Ein Vergleich, der aber mehr als zweifelhaft ist. Denn schließlich war Semprun eindeutiges Opfer des Faschismus, während sich Heisig freiwillig zur Waffen- SS meldete, sich auf die Seite der Täter begab. Auch wenn zu berücksichtigen ist, dass er zu diesem Zeitpunkt erst 16 Jahre alt war, ist diese Gleichsetzung unzulässig.

Heisig selbst sieht sich heute als Täter und Opfer zugleich, er will mit seinen Arbeiten seine Schuld abarbeiten, und er will die Erinnerung an die deutschen Verbrechen wach halten, wie in seinem Zyklus „Der faschistische Alptraum“ über geschundene KZ-Häftlinge, aber auch über verbrannte Panzerfahrer. Er würdigt den jüdischen Maler Felix Nussbaum, und er zitiert die Todesfuge von Paul Celan.

Deshalb war es auch durchaus zu begrüßen, dass er - trotz aller Proteste - den Auftrag bekommen hat, eine Arbeit für den Deutschen Bundestag herzustellen, verkörpert er doch wie kaum ein anderer die Brüche in der deutschen Geschichte.

Heisig bietet in seinen Werken keine endgültigen Lösungen an (nicht umsonst heißt eines seiner Bilder „Schwierigkeiten beim Suchen nach Wahrheit“), und es gibt für ihn keine fertigen Bilder. Wieder und wieder, auch nach Jahren noch und selbst in Ausstellungen, werden sie übermalt und vollkommen neu gestaltet, sehr zum Schrecken von Kuratoren und Leihgebern.

Sein Weltbild ist fatalistisch, er ist Pessimist durch und durch, sein Leitbild ist die Apokalypse.
In seinen Arbeiten verbindet er fiktive, reale und allegorische Figuren. Viele Gestalten wie der unbelehrbare Soldat, der grinsend das Eiserne Kreuz hochreckt, der ungehorsame Christus, der sich die Dornenkrone vom Kopf reißt, der abstürzende Ikarus, dieses Paradigma der Moderne, dieses Selbstbild des an der Welt scheiternden und leidenden Künstlers (Baudelaire), oder der von ihm erfundene „Pflichttäter“ tauchen ständig wieder auf , alle oft mit dem Antlitz Heisigs. Es finden sich Erinnerungsfetzen, Sprüche, Symbole, Metaphern, und im Hintergrund ist immer wieder seine Heimatstadt Breslau zu sehen, die er am Ende des Krieges mitverteidigte und die in einem Flammenmeer unterging.

Bernhard Heisig vermischt Orte und Zeitebenen, lässt die Pariser Kommunarden auf Soldaten der zwei Weltkriege treffen, stellt Friedrich den Zweiten, der ihn wegen seiner Ambivalenz zeitlebens fasziniert hat und mit dem nach seiner Ansicht Deutschland begann, amoralisch zu werden, neben Bismarck, Hitler und den Papst.

Natürlich gibt es zahlreiche Kritiker, die ihm die Legitimation absprechen, über Moral zu richten, die ihm vor allem seine Nähe zu den Machthabern der ehemaligen DDR vorwerfen. Für Baselitz z.B. ist und war er kein Künstler, kein Maler, sondern nur führender Funktionär eines verbrecherischen Regimes, Propagandist einer Ideologie.

Dem aber widersprechen die in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten, die weit entfernt sind von dem staatlich verordneten Sozialistischen Realismus, mögen sie auch um den Preis vieler Kompromisse und ständigen Taktierens entstanden sein. Aber eindimensional sind sie genauso wenig wie es das Leben Bernhard Heisigs ist.

Harald Mann

Neue Nationalgalerie und Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 30. Januar 2006

Du 22 octobre 2005 au 30 janvier 2006.
Neue Nationalgalerie et Martin-Gropius-Bau à Berlin.

* La colère des images
(1) Les tableaux de l’atelier
(2) Le cauchemar fasciste
(3) Des difficultés de la recherche de la vérité